Einen Scheiß muss ich: Was mich an unserer Generation stört

Zwei Gründe gibt es für diesen Beitrag, zum einen habe ich das Buch „Einen Scheiß muss ich“ von Tommy Jaud durchgelesen und zum anderen steht mein Geburtstag an. Der eigene Geburtstag ist irgendwie immer der Tag im Jahr, an dem die engeren Verwandten und je nach Freundeskreis sogar die flüchtigen Bekannten die höchsten Erwartungen an das Geburtstagskind stellen. Möglichst möchte der Protagonist auf jeden Glückwunsch reagieren, wirklich jeden Anruf entgegennehmen und ganz wichtig ist: Es muss eine Party – in welchem Ausmaß auch immer – stattfinden. Für mich persönlich ist es aber seit Jahren der Tag, an dem ich komplett abschalte. Ich will eigentlich niemanden sehen und schon gar nicht angerufen werden. Eine Party? Am Arsch, ihr müsstet eigentlich eine Party für mich schmeißen! Zumal ein Geburtstag im heute gängigen Stil sogar eine Bestrafung ist, denn ich muss anderen Leuten etwas „ausgeben“, obwohl für meine Geburt meine Eltern verantwortlich sind. Ist die Bezahlung der Verpflegung anderer eigentlich eine Strafe dafür, dass es mich schon wieder ein Jahr länger gegeben hat? I don’t get it.

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Die üblichen „Feste“

Aber egal, Geburtstag ist für mich schon immer ein leidiges Thema, ähnlich wie Weihnachten oder Silvester, denn immer ist alles an Erwartungen geknüpft. Auch wenn das niemand zugeben möchte, wir wollen doch meist irgendwie das Besondere. Weihnachten muss man unbedingt mit den Liebsten verbringen (für mich sind das eigentlich die Spieler von Borussia Dortmund – nur ein Scherz!) und Geschenke muss es in Unmengen geben, Silvester muss unbedingt die Party des Jahres werden und zum eigenen Geburtstag muss man es unbedingt anderen recht machen. Das klingt jetzt arg verbittert und geizig, das bin ich aber nicht. Nur sehe ich die Dinge etwas anders.

Im besagten Buch wird genau das in unterschiedlichsten Punkten beschrieben, was wir nämlich angeblich alles tun müssen und eigentlich trotzdem sein lassen können. In ein paar Punkten ist mir nicht nur einiges klar geworden, sondern ein Teil meines bisherigen Lebens wurde humoristisch und sehr ehrlich durch den Autor bestätigt. Dabei kennt der mich gar nicht!

Warum also nicht wie ich den eigenen Geburtstag einfach mal dafür nutzen, eben nicht Zeit mit denen zu verbringen, die einen sowieso das ganze Jahr umgeben. Und warum überhaupt noch in Jahren denken. Das sind doch nur Zahlen, die überhaupt keinen Einfluss auf die jeweilige Lebenssituation haben, außer dass man irgendwann keinen „junge Leute“-Rabatt mehr bekommt oder ab einer bestimmten Zahl erst den gesetzlichen Anspruch auf Rente hat. Aber ob dich das Leben fickt oder liebt, ist völlig unabhängig von Uhrzeit, Alter und ganz besonders von der Jahreszeit.

Und warum zur Hölle soll Silvester unbedingt die Party des Jahres sein? Wir wissen doch inzwischen alle, dass in der Regel die spontansten Parties die besten sind. Genau diese lassen sich aber halt nicht planen, schon gar nicht auf einen Tag bzw. auf die Minute genau. Zudem hört mit Tag Null des neuen Jahres das laufende Leben nicht auf und fängt neu an. Fragt zum Beispiel mal Krebspatienten. Die sind ab 0:01 Uhr nicht plötzlich geheilt. Also von wegen im neuen Jahr wird alles besser. Egal wie Silvester also läuft, der Verlauf des kommenden Jahres ist davon nicht abhängig.

Eigenschaften der heutigen Gesellschaft, die mich tierischst nerven

Es gibt heute zwei besonders nervige Faktoren der modernen Gesellschaft jüngerer Leute, die mir nun schon fast täglich auf den Zeiger gehen. Angefangen beim Körper- und Fitnesswahn, der besonders in den letzten Jahren immer schlimmer geworden ist. Heute kann sich fast jeder die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio leisten und im TV oder im Netz wird man nur noch mit „Mach dich krass“ oder „So schnell wird dein Körper richtig geil“ zugemüllt. Aber ich verrate euch mal was, ich bin auch ohne die Tipps eines Pro7-Moderators ein krasser Typ und den geilsten Körper habe ich sowieso. Das sagt mir nämlich mein Selbstverständnis. Ich wiege nur eben keine 55 kg und renne auch nicht jede freie Minute den Fahrradfahrern auf unserem Muldendamm vor der Nase rum.

Inzwischen wird den Leuten so derart penetrant eingebläut, sie müssten unbedingt Sport in irgendeiner Art und Weise treiben, dass nun tatsächlich alle ein schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst haben und einen großen Teil ihrer Freizeit mit Sport verbringen. Sport kann Spaß machen, ich spiele selbst Fußball, aber auch nur so oft und immer nur dann, wenn ich wirklich Bock darauf habe, nicht wie mir es ein Plan vorschreibt. Ich betreibe Sport also nicht, um meinen Körper zu verändern, schon gar nicht mehr um abzunehmen, denn dafür müsste ich mich dauerhaft – auch in meiner Ernährung – einschränken. Aber mein Leben ist einfach zu kurz, um es permanent zu limitieren. Netflix oder Sport gucken macht nämlich oft mehr Spaß, als bei 5° Außentemperatur stundenlang durch die Gegend zu rennen.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht pro Diabetes und Fettleibigkeit, nur sollten wir mehr darüber nachdenken, wie und ob wir uns wirklich wohlfühlen. Wer zudem ständig seine freie Zeit fürs Fitnessstudio (oder andere Einheiten) opfert, um dann darüber zu meckern, er hätte keine freie Zeit für sich selbst, scheint mir nicht sonderlich zufrieden zu sein. Aber immerhin tut ihr Gutes, ihr passt euch bereitwillig den Anforderungen der „hübschen“ Gesellschaft an und haltet einen Industriezweig am Leben. So wie der moderne Bioveganer.

Wochenende

Doch es nicht nur der Zwang sportlich zu sein, den viele tagtäglich verspüren, um ins heutige gesellschaftliche Bild zu passen, man muss natürlich auch bei anderen Aktivitäten immer voll dabei sein. Das Wochenende ist für viele nur noch da, um sich nach einer harten Arbeitswoche endgültig auszupowern, damit man dann am Montag wieder über das schnell vergangene Wochenende und die neu begonnene Woche jammern kann. So ähnlich steht es auch im Buch von Tommy Jaud. Meines Erachtens liegt er richtig mit dieser Kritik.

Warum nicht einfach mal am Wochenende nichts tun oder zumindest nichts weiter anstrengendes? Oder anders gesagt, warum nicht einfach etwas Uncooles tun, beispielsweise die Couch nutzen. Hilft mir persönlich echt gut, ich jammer nämlich nicht über den Start in eine neue Woche, sondern freue mich auf meine Arbeit und dass es endlich wieder losgeht. Zugegeben, dafür ist natürlich auch ein Job nötig, der euch Freude bereitet. Getoppt wird das gute Gefühl noch durch mein vergangenes Wochenende. Da habe ich nämlich nichts verpasst. Keine hippe Veranstaltung und keinen extravaganten Ausflug. Meine Aktivitäten beschränkten sich auf das Wesentliche: Ich habe meinen Dortmundern beim Siegen zugeguckt, hab mit nem Freund paar Bierchen auf dessen Couch gekippt (in uns, nicht auf die Couch) und meine aktuellen Serien zu Ende „gebingewatched“.

Das mag zwar nicht weiter überragend spannend klingen, hat mich aber total entspannt und für die neue Woche wieder die Akkus geladen. Ich fahre immer dann weg und erlebe etwas, wenn ich und mein Schweinehund auch wirklich Bock darauf haben, nicht weil Wochenende ist und das vermeintlich schlechte Gewissen mich dazu zwingt. Schon lange bin ich von dem Trip weg, jede Party oder andere vermutlich total hippe Veranstaltung besuchen zu müssen. Einziger Nachteil ist, dass man mit „ich lag auf der Couch“ offensichtlich nicht sonderlich viel Eindruck schinden kann. Muss man aber auch nicht.

Smartphones

Natürlich gucke auch ich persönlich immer wieder auf mein Smartphone, egal ob ich nun bei meinen Eltern bin oder mit Freunden in einem Restaurant sitze, das ist bei mir allein beruflich bedingt einfach fest verankert. Was ich allerdings in der Regel nämlich nicht tue, ist, dass ich permanent belangloses Zeug mit Freunden schreibe und dadurch den kompletten Tag abgelenkt bin. Genau das machen aber viele Leute inzwischen so extrem, dass eben selbst in einer Bar oder im Restaurant nicht irgendein Gesprächsthema interessant ist, sondern nur das eigene Smartphone-Display. Ich bin derzeit in eine befreundete Truppe „reingerutscht“, bei der ich das so extrem wie noch nie erlebt habe. Wir sitzen zu fünft am Tisch, vier Köpfe nur aufs Smartphone gerichtet und das teilweise über längere Zeiträume. Ich bin ohne Zweifel nicht immer der gesprächigste Part in einer Tischrunde, dennoch darf man sich doch den größeren Zeitraum eher auf sein Gegenüber anstatt auf das Smartphone konzentrieren.

Inzwischen habe ich aber auch vielen Leuten etwas voraus, denn ich beschränke meinen Kontakt über WhatsApp und andere Messenger nicht mehr nur auf die wesentlichen Dinge, sondern auch nur noch auf wesentliche Freunde bzw. Personen. Wenn ich zudem mit paar Leuten teilweise tagelang nicht mehr schreibe, dann hat das keinen bösartigen Hintergrund, sondern es gibt einfach nichts zu erzählen. Meine Zeit ist mir einfach zu schade, ständig über irgendwelchen belanglosen Bullshit zu reden (natürlich außer im Suff!), der mich nicht weiterbringt oder gar während meiner Arbeit aufhält, nur damit man überhaupt in Kontakt steht.

Eine Parallele zum Theme „Wochenende“ gibt es auch übrigens auch noch. Ich selbst war dem jetzigen Thema eine lange Zeit erlegen, probiere mich nun aber selbst mehr  zurückzuhalten. Es geht um private Postings auf Facebook und Instagram. Ebenfalls im Buch beschrieben. Permanent teilen wir mit, was wir kaufen, was wir essen, wo wir uns aufhalten und was wir gerade tun. Dabei hoffen wir zumindest im Unterbewusstsein inständig, dass es jemanden interessiert und Neid sowie Glückwünsche via Likes bekundet werden. Stattdessen sollten wir den jeweiligen Moment lieber genießen, was wohl am besten einfach ohne Smartphone in der Hand funktioniert.

Das gilt übrigens ganz besonders für Eltern jeglichen Alters, die mehr auf ihr Smartphone anstatt auf ihr Kind schauen. Im Buch gibt es dazu einen wunderschönen Absatz, den ich gern zitieren und damit auch den Beitrag abschließen möchte. Bevor ich es vergesse, ihr müsst dieses Buch lesen oder euch als Hörbuch reinziehen – zum Beispiel bei Amazon. (Partner-Link)

[…] Mutter mit Kinderwagen tippt auf ihren Smartphones herum, statt mit ihrem Kind zu sprechen. Wahnsinn, oder? Da steht die eigene Muter nur einen Meter vor einem, aber ohne Facebook-Account kann man ihr nicht mal mitteilen, dass man fürchterlich Fauchi-Bauchi hat. Alles, was das arme Kind von seiner Mutter sieht, ist die Rückseite eines iPhone und irgendwann denkt es dann, seine Mutter sei ein Apfel.

8 Kommentare

  1. Woah, geiler Artikel, der mir so dermaßen aus der Seele spricht.
    Ich könnte eine ähnlich lange Abhandlung schreiben (gerade Geburtstag, Weihnachten und Körperwahn sind da heißeThemen), aber Du hast das alles so wunderbar dargestellt, dass dem eigtl. nichts mehr hinzuzufügen ist.
    Hut ab, für diese persönliche Offenbarung und danke dafür, dass ich nun weiß, mit dieser Meinung nicht allein dazustehen!

  2. This. So much. Trifft es vor allem beim Geburtstag und anderen Feiertagen. Ich „feier“ diese Tage vor allem durch abschalten des Smartphones. Zudem kennt bis auf Familie und enge Freunde niemand mein Geburtsdatum…

  3. Hut ab, stimme dir in allem voll und ganz zu, trifft auch auf mich genau zu. 🙂

  4. Hi mit den Geburtstagen kann ich dir bedingt recht geben. Also eigentlich ist es in menschlichen Beziehungen ein „Geben – und nehmen“. Das muss jetzt nicht am Geburtstag oder Weihnachten sein- sondern auch wann anders- man kann auch nachfeiern. Hierbei geht es eigentlich um ein geselliges Beisammen-Sein.

    Ich habe leider auch andere Erfahrungen gemacht. Wohne zwecks Studium im Schwabenland, da treffen ggf. (alte) Menthalität und die neue Generation zusammen.
    1. die Leute kommen immer (sehr) gerne wenn du was organisierst, einlädst, aufrufst: das fängt bei Vortrinken, weggehen, Grillen, Geburstag…. an
    2. zurück kommt fast nie was- oft ist auf Zusagen nicht mal Verlass
    3. will sogut wie niemand etwas beisteuern oder sich Mühe geben- es ist normal dass sich niemand anbietet

    Also ich wohne jetzt seit 1,5 Jahren in der Nähe von Stuttgart. Und es hat bisher von meinen Freunden hier nur eine!! Person Geburstag gefeiert. Ich habe letzte Woche nachgefeiert (Grillparty) und es hat sich von 12 eingeladenen Personen nur eine Person freiwillig gemeldet etwas mitzubringen. Dann habe ich 2 Leute noch persönlich angeschrieben die haben dann was gemacht 😀 aber nicht wirklich gerne sondern mit komischer Reaktion.
    Von den 9 Leuten die gekommen sind haben 3 Leute ein Geschenk mitgebracht^^ Und wenn ich bei meinem Freund irgendwo mit hingehe beteilige ich mich auch.

    Finde die Generation/Mentalität: Geiz, alles mitnehmen was geht- mir steht mehr zu als anderen und ich mache keinen Finger krumm schon sehr traurig. Zumal es ja eigentlich um ein nettes beieinandersein geht, aber so- wenn niemand sich um etwas kümmern und/oder etwas bezahlen möchte sieht man sich ja gar nicht mehr. Zur Beerdigung und das wars?

    • den heutigen Geiz sieht man ja in vielen Teilen der Gesellschaft, sei es nur der Einkauf von Lebensmitteln, der immer möglichst billig sein muss, obwohl wir uns Zeug dem eigenen Körper zuführen. Aber komische Menschen da in Stuttgart 😀

  5. Jaaaaaa, einen Sch….muss ich….oder eben doch?
    So ein Mist, Mist, Mist…..
    Ich habe keine Lust auf Verwandten-Übernachtungsbesuche. Für dieses Jahr habe ich meine Schuldigkeit schon getan, Schwager und Kinder über Ostern…..einzige freie Tage versaut……..Zumal wir für den Schwager wohl eine „Unternehmung“ sind, denn hier hängen die 2 Kids nur am Tablet oder Handy und er liegt häufig im WoZi und schläft….aha….tolle Wolle.
    Nudel mit selbstgemachtem Pesto? Fragt der 17jährige: „Gibt´s da noch Soße zu?“ „Äh, nein.“ Er:“Dann muss ich das wohl essen.“ WOW!
    Einmal im Jahr das aushalten ist für mich schon wirkliche Anstrengung, aber jetzt wollen die in 3 Wochen wieder kommen? Und plötzlich noch mit neuer Schwager-Flamme? Wo zur Hölle sollen die denn alle schlafen? Ach, neue Luftmatratze kaufen…schön…….mir egal, ich machs nicht. Ich hatte die Menschen schon einmal in diesem Jahr hier, ein zweites mal möchte ich das nicht. Mein Kirmeswochenende ist versaut bevor es angefangen hat.
    Fängt ja schon an mit „Wir kommen so gegen 15 Uhr.“, plötzlich stehen die um 9 auf der Matte….eh, wir müssen arbeiten….in Zeiten der Kommunikation wie heute kann man doch wohl mal bescheid geben, dass man früher kommt? Oder besser mal fragen, wann es passt….. Ich hasse Menschen…besonders, wenn sie so tun, als seien Sie der Mittelpunkt der Welt und sich für am Wichtigsten halten und keine Rücksicht auf die Bedürfnisse andere nehmen.
    Was also tun? (ich hab nichtmal Urlaub, sondern nur Wochenende und wie lange die bleiben wird auch nur kurzfristig mitgeteilt, meine Erholung ist also jetzt schon dahin)
    Für die Tage….
    – arbeiten gehen…sowieso
    – ausziehen (Pension mieten)?
    – viel unterwegs sein mit Hund und Radfahren, Schwimmen etc.?
    – die Zeit daheim im SchlaZi verbringen?
    – alle sonstigen Dinge, die ich mache einstellen: putzen vor dem Besuch, Einkaufen, Kochen, Frühstücksbrötchen besorgen, etc… ?

    Du siehst, Dein Beitrag ist zwar schon etwas über 1 Jahr alt, aber trotzdem ist er noch aktuell.
    Wir haben nur das eine Leben und sollten uns mit Dingen beschäftigen, die wir mögen und mit Menschen umgeben, die uns gut tun.
    Leider ist das im Leben als Paar schwieriger. Mein Mann umgibt sich eben gern mit seinem Bruder und Anhang….ihm ist es egal, ob die nun kommen, weil sie uns mögen oder weil wir eine „Unternehmung“ sind.
    Mir halt nicht. Meine Freiheit 2mal im Jahr so einschränken ist nicht fair. Ich finde, da sollte es einen Kompromiss geben, aber ich habe anscheinend nichts zu sagen……

    🙂 Schöne Woche

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